Wildtierrettung

Im Frühling fand ich einen Flyer von Ernst Moritz über mögliche Lärmimmissionen durch Drohnenflüge in den frühen Morgenstunden zur Rettung von Rehkitzen vor dem Vermähen im Briefkasten.

Gute Sache, da macht einer was, denke ich und legte den Zettel weg.

Rehe legen ihre Jungen gerne ins hohe Gras. Sie sind dadurch ziemlich gut vor entdecken und gefressen werden geschützt. Sie bleiben unbeweglich und geduckt liegen und selbst wenn man unmittelbar daneben steht, sind sie nicht zu entdecken. Nur leider ist dieses natürliche Schutzverhalten komplett falsch bei einer sich nähernden Mähmaschine. Das Kitz ist vor den Augen des verantwortlichen Maschinenführers ausgezeichnet getarnt, er hat kaum eine Chance es zu sehen und rechtzeitig zu reagieren.

Darum werden verschieden Methoden angewendet, um die Rehgeiss zu stören, damit sie das Kitz gar nicht erst ins hohe Gras führt oder es sicherheitshalber rausholt. Weit verbreite ist das Verblenden mit weissen Fahnen, Erzeugen von Störgeräuschen oder das Anmähen am Vortag (ein kleiner Streifen wird gemäht um die Geiss damit zu verunsichern). Eine relativ neue und äusserst effiziente Methode ist das Absuchen der Wiese mittels Kameradrohnen. Dies wird von speziell ausgebildeten Drohnenpiloten mit technisch hochstehender Ausrüstung (Drohne und Wärmebildkamera) durchgeführt. Gefundene Tiere (Vogelnester, junge Hasen, Kitze) werden dann gesichert oder bis nach dem Mähen aus der Wiese rausgenommen. Damit wird praktisch kein Kitz mehr verletzt oder getötet. Oft flüchten ältere Kitze manchmal vor den Helfern aus der Wiese in den Wald und kehren später wieder ins hohe Gras zurück. Wenn dann einige Stunden nach dem Absuchen gemäht wird, besteht die Möglichkeit, dass das Kitz trotzdem verletzt wird.

Anfang Juni kam dann die Anfrage von Ernst an den Natur- und Vogelschutzverein, ob der Verein eventuell einige Helfer stellen könnte.  Er schilderte das Problem, genügend Helfer für die Einsätze, vor allem Werktags, zu finden. Neben dem Drohnenpiloten, der die Drohne im Auge behalten muss, braucht es Helfer, die die Monitore mitüberwachen und beim Sichern der gefundenen Tiere Hand anlegen. Ein ideales Team besteht aus mindestens vier Leuten.

Wärmebildaufnahme des Kitz und der Helfer von oben

Und schon kurze Zeit später kommt das Aufgebot an die neuen Helfer. Der Einsatz ist natürlich mit diversen Unannehmlichkeiten wie rumstehen, rennen und vor allem früh aufstehen verbunden. Aktionsbeginn war 04:30 - stockdunkel und ruhig. Schon beim Aufsuchen des Treffpunktes wurde man aber durch die ersten erwachenden Vögel begrüsst und alleine das war schon Entschädigung für das frühe Aufstehen. Zum Glück waren mit Ernst und Urs Moritz zwei erfahrene und geduldige Jäger dabei die den Neulingen ihre Aufgabe erklärten.

Die Drohne startet – übrigens erstaunlich leise – und wird vom Piloten zum Ausgangspunkt geschickt. Die Flugroute wurde am Vortag, angepasst an die Form und Lage des zu mähenden Feldes – festgelegt und einprogrammiert. Daher fliegt die Drohne nun Bahn für Bahn in ca. 50-80 m Höhe über das Feld. Die spezielle Wärmebildkamera liefert ein schwarzweisses Bild abhängig von der Temperatur des Bodens. Kühle Flächen sind dunkel und warme Tierkörper heben sich hell aus dem grauen Bild heraus. Man sieht sogar rennende Mäuse, frische Maulwurfshaufen oder das soeben verlassene Lager eines Tieres am Boden. Die Expertise des Piloten verhindert, dass die Helfer wegen jedem Lichtfleck losrennen müssen.

Plötzlich ein deutlicher weisser Fleck auf dem Monitor, der Pilot stoppt die Drohne und die Anweisung «Nocheluege» ertönt. Zwei der Helfer, einer mit dem riesigen Kescher und der zweite mit der Kiste, bewegen sich gemäss den per Funk gegebenen Anweisungen über die dunkle Wiese. Die Einweisung erfolgt aufgrund des Infrarot-Bildes, auf dem auch die Helfer deutlich sichtbar sind. Denn das Tier ist im hohen Gras so gut versteckt, dass man unmittelbar daran vorbeigehen kann, ohne irgendwas zu entdecken. Der Funker sieht auf dem Bild den Ausgestreckten Kescher und kann die Helfer zielsicher zum Tier dirigieren (Abbildung 1). « Jetz bisch genau drüber!» und «zack» ein Rehkitz wird unter dem grossen, gummierten Kescher schonend am Boden fixiert und durch die Helfer, mit Handschuhen und grossen Grasbüscheln gesichert um den menschlichen Geruch abzuschirmen, in die Kiste gelegt und aus dem Feld getragen.

Der Bauer kann nun das Feld mähen und das Kitz wird nach der Mahd sofort freigelassen (Abbildung 2). Geiss und Kitz finden sich durch Zurufe wieder.Das soeben freigelassene Kitz duckt sich im Gras

Das Absuchen muss zügig durchgeführt werden, da mit dem Sonnenaufgang der Boden erwärmt wird und durch die kleiner werdende Temperaturdifferenz es immer schwieriger wird die Tiere von der Umgebung zu unterscheiden.

Darum ist der Einsatz spätesten um 9:30 beendet.

Also trotz mühsamem, frühem Aufstehen hinterlässt jedes gerettete Tier ein so gutes Gefühl, dass man sich bereits auf den nächsten Einsatz freut!

Es darf aber nicht vergessen werden: ohne die hochstehende Technik, und damit naturgemäss ziemlich teure Ausrüstung (Drohne und spezielle Kameras), den gut ausgebildeten Piloten und motivierten Helfern wäre dieser nachhaltige und wertvolle Einsatz nicht möglich. Wohlverstanden alles auf eigene Kosten, aus Freude an der Natur und den Tieren. Während der Heusaison, sind dies über einige Wochen tägliche Einsätze und zeitintensive Vorbereitungen.

Text: Urs Bader                Photos: E. Moritz (Wärmebild)/A. Berger (Kitz)